Hakenbruch an der Ammerthaler Wand: was bisher bekannt ist

Frankenjura.com - 04.08.20

Am vergangenen Mittwoch ereignete sich an der Ammerthaler Wand nahe Amberg ein schwerer Kletterunfall. Infolge einer Topropebelastung brach ein Klebehaken aus Stahl inmitten seines Schaftes. Ein bislang einmaliger Vorgang, der möglicherweise Folgen für den gesamten Bergsport hat, denn bisher gilt der moderne Edelstahlklebehaken als das vertrauenswürdigste Sicherungsmittel, das es derzeit im Klettersport gibt. Wir versuchen eine Sondierung der bisher bekannten Fakten.

Gibt Rätsel auf: Der Stumpf des gebrochenen Hakens an der Ammerthaler Wand (Bildrechte: Frankenjura.com)Gibt Rätsel auf: Der Stumpf des gebrochenen Hakens an der Ammerthaler Wand (Bildrechte: Frankenjura.com)

Zwei Kletterer aus dem Nürnberger Land kletterten am Mittwoch, den 29. Juli in den Abendstunden im Toprope zum gemeinsamen Umlenkhaken der Routen Hey Ho let´s go (5-) und Crazy (6-) an der Ammerthaler Wand (###1199). Nach Zeugenaussagen wollte sich der 32-jährige Kletterer etwa zwei bis drei Meter vor der Umlenkung der gut 13 Meter langen Routen ins Seil setzen. Durch die Belastung des Körpergewichtes brach der als Umlenkung installierte Klebehaken, so dass der Kletterer aus gut zehn Metern Höhe auf seinen 42 Jahre alten Sicherer stürzte. Dabei zog sich der Sicherer schwere, der Kletterer mittelschwere Verletzungen zu.

Das Versagen eines Umlenkhakens auf diese Weise ist bislang im Frankenjura einmalig. Zwar gab es schon Fälle, bei denen der Haken als Ganzes aus der Wand fiel, weil Kleber oder Zement fehlerhaft verarbeitet waren. Aber in diesem Fall brach der Haken inmitten seiner Substanz. Der Stahl zeigt an den beiden Schaft-Schenkeln mehr oder weniger glatte Bruchflächen auf, die in auffälliger Weise versetzt sind. Die fränkische Kletter- und Erschließerszene reagiert in ersten Stellungnahmen bestürzt und fassungslos wegen des Unfalls, darüber hinaus aber auch wegen möglicher Risiken bei weiteren der mindestens 50.000 gesetzten Klebehaken allein im Nördlichen Frankenjura.

Derzeit gesperrt: die Ammerthaler Wand (Bildrechte: Frankenjura.com)Derzeit gesperrt: die Ammerthaler Wand (Bildrechte: Frankenjura.com)

Der zuständige Sachverständige für Kletterunfälle des Polizeipräsidiums Oberpfalz hat noch am Unfalltag die Ermittlungen aufgenommen und die komplette Ammerthaler Wand bis zur Klärung der Ursache des Hakenbruchs gesperrt. Die Ursache, warum der Haken brach, ist Gegenstand polizeilicher Ermittlungen und völlig offen, Hinweise auf eine mutwillige Manipulation ergaben sich bisher allerdings nicht.

Der jetzt gebrochene gemeinsame Umlenkhaken der Routen Hey Ho let´s go (5-) und Crazy (6-) wurde vermutlich im Jahr 2002 gesetzt und steht bei Kletterern schon viele Jahre in der Kritik. In den Kommentaren zur Route ´Crazy´ ist bei Frankenjura.com ein Kommentar aus dem Jahr 2011 zu lesen, in dem fehlender Zement am Umlenkhaken beklagt wird 2012 wies ein Kletterer in einem Routenkommentar zur Route ´ Hey Ho let´s go´ bei Frankenjura.com auf den Umstand hin, dass dieser ziemlich weit aus dem Fels rage. Im Sommer 2018 erschien ein Rock-Event (dem Melde- und Warnsystem bei Frankenjura.com) eines aufmerksamen Kletterers zu letztgenannter Route, der Umlenkhaken stehe ein gutes Stück aus der Wand. Trotz dieser Hinweise blieb er von Sanierungsbestrebungen unberührt, wahrscheinlich deshalb, weil die Verbindung Haken, Kleber (bzw. Zement) und Fels fest schien und sich bisher niemand vorstellen konnte, dass ein massiver Doppelschaftklebehaken aus speziellem Stahl den vergleichsweise geringen Belastungen die im Toprope entstehen – also keine Belastungsspitzen wie bei größeren Vorstiegsstürzen - nicht dauerhaft standhalten würde.

Infografik zum ausgebrochenen Haken (Bildrechte: Frankenjura.com)Infografik zum ausgebrochenen Haken (Bildrechte: Frankenjura.com)

Wir haben durch eigene Recherchen und anhand von Bildmaterial und weiteren Informationen aus seriösen Quellen einige Auffälligkeiten zum gebrochenen Klebehaken herausgefunden, die möglicherweise im Zusammenhang mit der Bruchursache stehen und dazu dienen können, den genauen Ablauf sowie die Ursachen des Hakenbruches zu rekonstruieren.

  • Das felsnahe Ösenende des Hakens war 2,0 Zentimeter von der Wand entfernt. Der für das Biegemoment entscheidende Hebel beträgt 3,5 Zentimeter und ergibt sich aus dem Abstand des Wandeintritts des Hakenschafts zum Mittelpunkt der Auflagefläche des HMS-Karabiners. Im Normalfall sollte die Hakenöse am Fels aufliegen, um eine Hebelwirkung zu unterbinden.
  • Der obere Hakenschaft brach 7-8 Millimeter nach seinem Austritt aus der Wand. Er riss in einer von mehreren Kerben auf der Oberseite des Schaftes, die vom Hersteller angebracht wurden, um neben der kraftschlüssigen Verbindung durch Zement oder Kleber die Sicherheit bezüglich Zugbelastung zusätzlich durch eine formschlüssige Verbindung zu erhöhen.
  • Die Bruchstelle des unteren Hakenschaftes befindet sich in einem Abstand von maximal einem Millimeter zur Wand. Am oberen Ende der Ausbruchstelle befinden sich in der Mitte graue Furchen, die horizontal betrachtet in der Mitte ein Maxima haben und in etwa 2 Millimeter nach unten ragen.
  • Zwischen den beiden Schäften befinden sich mehrere Schweissstellen, deren genaue Position aber unklar ist.
  • Die Bruchstellen am Schaft weisen unterschiedliche Verfärbungen auf. Der obere Ast wirkt silbrig, der untere okerfarben.
  • Die in beiden Schäften auffälligen horizontalen, leicht gebogenen Linien unterschiedlicher Dicke sowie der glatte Bruch ohne Materialverformung sind untypisch und weisen möglicherweise auf eine Veränderung des Stahlgefüges hin. Klarheit kann eine metallurgische Untersuchung bringen.
  • Der Kleber oder Zement, der zur Befestigung des Hakens im Fels verwendet wurde, weist optisch keine Beeinträchtigung auf. Der nicht ausgebrochene Teil vom Schaft des Klebehakens sitzt fest in der Felswand.
  • Der beim Haken verwendete Rundstahl mit dem Durchmesser von acht Millimeter wurde bei der Produktion im Bereich des Schaftes in seiner Höhe verformt, so dass beide Schäfte zusammen eine Fläche (jeweils Höhe x Breite) von 14 x 10 mm aufweisen anstatt der zu erwartenden 16 x 8 mm, wie dies beim klassischen „Bühler“-Haken messbar ist.

Die Veröffentlichung dieser Details zum jetzigen Zeitpunkt ohne weitere Vermutungen soll Kletterer und Hakensetzer Entscheidungshilfen an die Hand geben im eigenverantwortlichen Umgang mit Klebehaken bis zur Klärung des Sachverhalts oder zumindest bis zur Formulierung belastbarer Thesen. Denn die Ammerthaler Wand ist zwar zur Vermeidung weiterer Unfälle gesperrt. Dennoch darf man an anderen Wänden des Frankenjuras, Deutschlands und Europas weiter klettern, obwohl dort die gleichen Haken, womöglich zum Teil in ähnlicher Weise gesetzt, zum Einsatz kommen. Dahinter steht das Prinzip des eigenverantwortlichen Handelns am Fels und der Umstand, dass nach gegenwärtig praktizierter Rechtsprechung für Grundstückseigentümer, Erstbegeher und Hakensetzer keine Verkehrssicherungspflicht besteht. Danach ist der Kletterer für sein Tun am Fels selbst verantwortlich, und zwar schon lange bevor er den ersten Haken klickt.



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Kommentare

Stefan am 16.09.20

@ Dirk:

Dann sind wir uns ja einig :-)

Gruß, Stefan

Dirk am 08.09.20

@Stefan
"Aber Bohrhaken sind nicht zwangsläufig gleich Verbundhaken!"
Richtig - aber genau das hab ich nie behaupt. Bohrhaken ist der Oberbegriff.

Stiftbohrhaken - wie schon der Name sagt auch ein Bohrhaken. Seit den 40er Jahren in Gebrauch. Oft selbst gebaut. Ab ca. 1960 sogar ganz normal käuflich erhältlich. Des wäre für mich persönlich ein "klassischer Bohrhaken" :-) Lebensgefährlich!

Kronenbohrdübel - tickende Zeitbombe

Petzl Long-life - ups noch ein Bohrhaken, der nicht mal rostet - trotzdem nicht empfehlenwert.

Bühler - bei den selbstgebauten war der Schweißpunkt manchmal zu klein - dann zu geringe axiale Haltekräfte (ansonsten recht gut)

Um nur mal ein paar Bohrhaken zu erwähnen.

Aussagen wie "Bohrhaken sind sicher als Verbundhaken" usw. sind also völliger Quatsch!

Einige meinen wohl "Expressanker/Expansionshaken".
Und die gäbe es auch richtiger Qualität zu kaufen und halten bestens im harten Gestein.
Fürs Frankenjura sind Verbundhaken die beste Wahl.





Stefan am 08.09.20

@ TeWe:Die Kerben sind natürlich keine gewollten "Sollbruchstellen" im herkömmlichen Sinne, aber sie werden zu solchen, wenn der Haken eben nicht sachgemäß gesetzt ist. Das sollte evtl. bei der Konstruktion der Haken bedacht werden und mit einfließen...Das mit den Schweißpunkten ist richtig, so waren die Original-Bühler beschaffen und daher sind diese imo die besten Haken für den fränkischen Kalk, so wie ich es weiter unten schon mal geäußert habe.Klebehaken ohne Kerben o.ä. sollten dennoch einer Sturzbelastung (radiale Belastung) standhalten. Bei einer axialen Belastung (s. Unfall am DTC) kann es sein, dass die Haltekräfte den Zugkräften nicht standhalten.Mit dem klassischen Bohrhaken als sicherste Variante kann ich dir nicht zustimmen. Da sind imo - wie von dir richtig erwähnt - zu viele Fehler beim Setzen möglich. Ich finde sie auch viel zu korrosionsanfällig, siehe rostige Laschen, Gewindestifte oder Muttern, die teils in mehreren Ausführungen/Generationen als richtige Hakengräber in manchen fränkischen Routen zu "bewundern" sind. Ich glaube, gemessen an der absoluten Zahl gesetzter Haken im FJ ist bei den klassischen Bohrhaken viel mehr Ausschuss/Schrott dabei, als bei den geklebten Bühlern/Verbundhaken...Außerdem ist der fränkische Kalk anscheinend für die Bohrhaken zu weich, deshalb haben sich ja eigentlich die Klebehaken durchgesetzt, weil sie tiefer im Fels stecken und einen größeren Durchmesser besitzen.Bei den Ketten als Standplatz/Umlenkung würde ich gefühlsmäßig zustimmen, aber da gab es in der Vergangenheit auch viele Vorfälle, wo einzelne Glieder versagt haben. Stichwort Rost, elektrochemische Spannungsreihe, Kontaktkorrosion...@ Dirk:Aber Bohrhaken sind nicht zwangsläufig gleich Verbundhaken!VG, Stefan

Dirk am 02.09.20

Verbundhaken sind auch Bohrhaken

TeWe am 01.09.20

Diese Kerben werden bei Klebehaken angebracht, um eine bessere Haftung des Klebers/Zement am Haken IN der Wand zu gewährleisten.
Wenn die Oberfläche komplett glatt wäre, besteht die Gefahr, daß sich der Haken - trotz Zement - löst und aus der Wand herausziehen läßt.
Es handelt sich also nicht um „Sollbruchstellen”.

Der Haken wurde in diesem Fall nicht richtig gesetzt, der Schaft mit den Kerben hätte komplett in der Wand versenkt werden müßen. Es ist eher verwunderlich, daß er erst jetzt gebrochen ist.

Denselben Effekt wie die Kerben erreicht man z.B. mit Schweißpunkten, die am Schaft zusätzlich gesetzt werden.
So haben das Fritz Amann und Josef Brüderl bei den von ihnen eingerichteten Routen auf der Reiteralpe gemacht.

Durch die Kerben (oder zusätzliche Schweißpunkte) wird die glatte Oberfläche des Schaftes unterbrochen und bietet dadurch dem Kleber/Zement mehr physikalische „Angriffsfläche”. Damit wird die Haftkraft des Zements erhöht.

Es gibt auch alte Klebehaken, die diese Kerben im Schaft nicht haben. Dadurch besteht die Gefahr, daß sich solche Haken mit der Zeit lösen können und man den ganzen Haken aus der Wand herausziehen kann.
Klebehaken sind daher auch durchaus mit Vorsicht zu genießen.

Ein klassischer Bohrhaken, der richtig gesetzt wurde, bietet in meinen Augen die beste Sicherheit.
Zwingende Voraussetzung bei Bohrkahen ist aber das korrekte Setzen, d.h. richtige Bohrtiefe, richtiger Durchmesser und Ausblasen des Bohrloches, ansonsten können sich auch diese Haken lösen.

In Sportklettergebieten empfinde ich gebohrte Kettenstände - also 2 Bohrhaken verbunden durch eine Kette - als sicherste und zuverlässigste Variante.

Den Verunfallten wünsche ich baldige Genesung!

dschisers am 18.08.20

zu dem unfall:
der benutzte haken war herstellerseits mit einer natürlichen sollbruchstelle versehen. der hersteller hoffte nur, dass der haken sachgemäß gesetzt wird und die kerbe somit im fels verschwindet.
trotzdem wäre sie auch bei sachgemäßem setzen sehr nah an der lochkante!
ein wenn auch geringerer hebel wird auf die kerbe wirken. solche sollbruchstellen kennen alle, die im supermarkt verpackte ware kaufen. hier ist es gewollt.
ich frage mich, wie sich die sachgemäß verbauten haken dieser charge verhalten! hier kann ich nicht beurteilen, ob der haken schon bei mir oder erst beim nächsten kletterer nachgibt.
ein weiteres problem stellt für mich die verformung von 16*8 auf 14*10 cm dar. das material wurde wegen des bohrdurchmessers gequetscht. was macht das mit der beschaffenheit des stahls? setzt dieses verfahren vielleicht mikrorisse in der struktur?
zum kommentar von klemens: ich werde mich natürlich bezogen auf meine routen anschließen.
zu anfänger2ß18: ich habe schon mal eine route von mir zur neuerschließung freigegeben und mein material abgebaut. ich werde das durchaus gern wieder tun, um einer neuen klettergeneration ihre möglichkeiten zu geben.
warum in der fränkische bisher relativ wenig passiert ist? weil manche noch gelernt haben selbstverantwortlch zu handeln. es gibt routen, die ich entweder nie angegangen bin oder erst, als ich mich dazu in der lage sah.
die erstbegehung meiner route "singlecask vs. blended" hat unter anderem 2 1/2 jahre in anspruch genommen, weil ich mich nicht immer, wenn ich unter der route stand, in der lage sah, ohne abflug auf den boden, zum ersten sicheren friend (den man dann auch erst legen muß) zu gelangen.
die klettergebiete (z.b. verdonschlucht), in denen sich eine kette am umlenkpunkt eingebürgert hat, hatten nur bolts (4cm) als sicherungen. hier war eine zusätzliche absicherung durchaus sinnvoll. damals wurde in der fränkischen schon ein 10cm langer 12mm nichtrostender stahlhaken verbaut.
diese ersten bühler haben auch heute noch keine gebrauchspuren.
ich hoffe einfach auf ein bischen mehr umsicht und weniger konsummentalität im klettersport.

abschließend hoffe ich, dass sich solche unfälle nicht häufen.

andreas schelter

weltweit2000 am 17.08.20

Das Bild der Bruchstelle gibt auch Antworten:
Es handelt sich um einen typischen Ermüdungsbruch. Das zeigen die Linien in der oberen Bruchfläche. Ausgehend von der oberen Kerbe ist der Bruch bei jeder Belastung ein Stück nach unten gewandert, bis der Querschnitt so gering war, dass bei der geringen Belastung der Rest brach. Auch das ist gut zu erkennen.
Begünstigt wurde das durch den großen Hebel des unsachgemäß gesetzten Hakens.
Also: Immer Augen auf und „never trust a single bolt!

Uwe l am 13.08.20

Zum Thema Haftung heute in der neuen "Klettern" gelesen:
"Bis zum Frühjahr haftete der Kletterverband FFME für alle französischen Klettergebiete auf Privatgrund. Nach einem Unfall im südfranzösischen Vingrau musste die FFME 1,6 Millionen Euro Schadensersatz zahlen, weitere Klagen werden noch verhandelt. Als Konsequenz zog die FFME sich aus der Haftungsverantwortung zurück und kündigte die entsprechenden Vereinbarungen. Betroffen sind etwa 500 der 2500 Klettergebiete Frankreichs - darunter Calanques. Daraufhin sperrten lokale Behörden Anfang Juni einen Großteil der Klettersektoren in dem Traditionsgebiet bei Marseille. Nun bemühen sich örtliche Kletterverbände um die Wiederzulassung des Kletterns-Ausgang ungewiss." Weiteres: klettern.de/ffme

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