Klettern ohne Auto - ein Erfahrungsbericht

Ludwig Simek und Frankenjura.com - 26.07.22

Der Nürnberger Jurist Ludwig Simek fährt regelmäßig zum Klettern in den Frankenjura, ohne ein eigenes Auto zu besitzen. Dabei setzt er nicht auf den Fuhrpark seiner Seilpartner, sondern auf ein Rennrad. In einem Erfahrungsbericht zeigt Ludwig seinen Blick auf die Kombination dieser beiden Sportarten und beschreibt, welche Strategie am besten funktioniert.

Seilpartner gibt Windschatten: Gemeinsame Anfahrt zum KletterfelsSeilpartner gibt Windschatten: Gemeinsame Anfahrt zum Kletterfels

Vor gut zwölf Jahren ging mein Auto kaputt als ich von Regensburg nach Neumarkt zu einem Vortrag über die Anden unterwegs war und seitdem lebe, arbeite und klettere ich ohne Auto. Ich war damals noch Student und hatte es zur Universität nicht weit. Ich war eh schon immer gerne mit dem Rad unterwegs und lebte mit meiner Frau in der Regensburger Altstadt, in der wir fußläufig alles erreichten, was man zum Leben benötigt. Das Auto brauchte ich vor allem, um in die Alpen und zum Fels zu kommen. Das machte mich zu Beginn nervös und ich plante, mir gleich wieder ein neues zu kaufen.

Das funktioniert doch nicht. Geht nicht. Macht ja auch keiner!
Das Auto war über die Jahre ein fester Begleiter geworden. Jeder hat eines und ohne könne man in Deutschland nicht leben. Alle Kletterer*innen kommen mit dem Auto zum Fels. Wie soll man auch sonst hinkommen mit all der Kletterausrüstung? Diese lag bei mir immer bereit im Kofferraum. Zum klettern gehen hieß mit dem Auto anfahren. Parkplatz möglichst nah am Fels, nur keinen Meter zu viel laufen. Mit dem Rad oder den Öffentlichen zu fahren löste in mir eine kleine Panik aus. „Das funktioniert doch nicht. Geht nicht. Macht ja auch keiner!“

Es geht und es ist viel besser als gedacht. Ab und zu ergibt sich eine gute Gelegenheit mit dem Auto ab Nürnberg in die Fränkische mitzufahren, aber meistens nutze ich trotzdem lieber mein Rad. Wenn mir jemand freundlicherweise eine Fahrt im Auto anbietet, dann lehne ich meist dankend ab. Es ist einfach zu schön, als dass ich zwei Stunden andere Stoßstangen auf der Bundesstraße anstarren würde. Die Zeit nutze ich lieber mit einer Radtour oder setz mich in Zug, lese, schreibe oder lass einfach die Welt an mir vorbeigleiten.

Ludwig schiebt sein Rennrad die letzten Meter zur UnentwegtenwandLudwig schiebt sein Rennrad die letzten Meter zur Unentwegtenwand

Der Kletterpartner gibt Windschatten
Ich wohne und arbeite mittlerweile wieder in Nürnberg. Von der Regensburger Altstadt waren es noch zwischen 8 und 28 km zum Fels. Das ging gut. Gurt, Schuhe und Chalk in einen kleinen Rucksack und den Rest brachten immer meine Kletterpartner und Freunde mit, die eh mit dem Auto anreisten. Ich revanchierte mich dafür ab und zu mit einem Bier. Als wir nach Nürnberg umzogen warf ich daher besorgt einen Blick in die Karte. Ab dem Rathenauplatz zum Fels waren es gut 25 bis 45 km und vor allem etliche Höhenmeter. Zu Beginn hatte ich kaum Kletterpartner*innen und eigentlich wäre es cool, wenn auch diese ohne Auto anreisen könnten und wir uns gegenseitig mit Windschatten unterstützen würden. Großer Vorteil gegenüber Regensburg ist allerdings, dass die Fränkische gut mit Zügen versorgt ist. Ein Schnellzug nach Hersbruck und weiter ins Pegnitztal oder bis Amberg. Ein Bummelzug nach Simmelsdorf/Hüttenbach plus die schöne Gräfenbergbahn. Ebermannstadt ist über Forchheim gut erreichbar. Ich plante oft mit dem Zug/Rad und ab und zu nur mit dem Rad zu fahren. Im Vergleich zu den normalen 30 bis 60 Cent pro Autokilometer ist das Tagesticket plus von VGN mit 16 bis 21 Euro auch günstiger. Diese Rechnerei hat sich allerdings aktuell mit dem 9 Euro Ticket eh erledigt.

Bauchlandung an der Schönen Aussicht
Meine erste Fahrt in die Fränkische sollte trotzdem per Rennrad erfolgen. Zu groß war die Sehnsucht nach einem langen Winter und zu drückend die Neugierde die alte Heimat mit dem Rad zu erkunden. Die Wahl fiel auf die Schöne Aussicht bei Plech. Es war ein sonniger Tag Anfang Februar und die Höhenmeter da rauf waren eine brutale Schinderei. Es geht ab Simmelsdorf nur bergauf. Immer tiefer rein in die unzähligen Anstiege. Ich brauchte 30 min länger als gedacht und kam völlig platt am Fels an. Meine Beine waren es nicht gewohnt und der kleine Rucksack hinterließ meinen Rücken durchgeschwitzt. Am Fels wurde mir schnell kalt, obwohl ich massig Winterklamotten mitschleppte. Die Kletterei war genial, aber genauso wie ich an die flache und kurze Anfahrt mit dem Rad ab Regensburg gewohnt war, so war ich dies auch an die dortigen eher flachen Routen in denen gutes Stehen gefragt ist. Der steile fränkische Lochfels killte meine Arme genauso wie die fränkischen Hügel meine Oberschenkel.

Ludwig Simek in Unglaublich, aber wahr (8) an der Brüchigen WandLudwig Simek in Unglaublich, aber wahr (8) an der Brüchigen Wand

Zwei Depots in der Fränkischen
Eine angepasste Lösung musste her. Am Fels ein Depot mit den Klettersachen, Klamotten, Zustiegsschuhen, Proviant und alles was man sonst noch benötigt. Dann kann ich ohne Rucksack anreisen und spare etliches Gewicht und die Radtour wird viel angenehmer und schöner.

Mittlerweile habe ich zwei Depots an ganz unterschiedlichen Ecken der Fränkischen und den Zug nutze ich fast gar nicht. Eigentlich nur, wenn ich das Depot nach Hause oder zum Fels bringe, wenn das Wetter ungeplant umschlägt oder ich in die ganz nördlichen Ecken der Fränkischen will. Ich fahre fast das gesamte Jahr über mit dem Rad zum Fels und nur wenn viel Schnee liegt, steige ich ins Auto meiner Kletterpartner oder nehme den Zug. Ab und zu erwischt mich natürlich ein Gewitter oder sogar im Winter Schneefall, aber man gewöhnt sich dran. Ganz ähnlich wie im Auto an den Stau.

Je nach Fels ergibt sich eine neue Radstrecke
Die Kombination von Rennrad und Klettern in der Fränkischen ist perfekt. Am Hinweg geht's gut bergauf und am Rückweg kann man bergab so richtig Gas geben oder es locker rollen lassen und den Sonnenuntergang genießen. Die Gegend ist herrlich zum Radfahren. Es gibt kleine Landstraßen die einen abseits des Verkehrs zum Fels bringen. Man nimmt auf dem Rad die Landschaft viel intensiver wahr als im Auto. Der Blick streift unbegrenzt und bei jeder Tour entdeckt man neues. Je nach Fels ergibt sich eine neue Radstrecke. Klar, der Beginn ist meist gleich und ich kenne jede Kurve und jeden Meter der Strecke Nürnberg- Lauf und Nürnberg-Gräfenberg, aber gerade auf letzterer gibt es unzählige Varianten, die ich je nach Lust und Laune auswähle. Soll es schnell und direkt sein, dann düse ich neben der Bundesstraße. Abseits gibt es ruhige Straßen und Radwege oder ich mache einen Umweg und genieße den weiten Blick auf der Hochebene bei Kalchreuth und Tauchersreuth.

Aus dem Klettern einen gesunden Ganzkörpersport machen
Mittlerweile habe ich mit Ali einen Kletterpartner gefunden, der ebenfalls ohne Auto unterwegs ist und zu zweit macht es noch mehr Spaß. Nach dem Klettern noch so richtig die Beine platt machen. Aus dem Klettern einen gesunden Ganzkörpersport machen. Neben dem Oberkörper auch Beine trainieren und das Ausdauertraining ins Klettern integrieren. Ich kenne viele die mit dem Auto zum Fels fahren und am nächsten Tag Joggen oder Radfahren gehen. Warum nicht beides gleichzeitig machen? Das allerbeste, neben all dem gesparten Geld, ist jedoch das Gefühl, wenn man sein Projekt ohne motorisierte Unterstützung ganz alleine schafft. Also ohne mehrere Tankfüllungen und ohne unsere wunderschöne Fränkische mit noch mehr Autoverkehr zu belasten. Komplett aus eigener Kraft. Rotpunkt ohne Auto mit 40 km und 500 Hm in den Beinen, statt 5 min Spaziergang ab dem Parkplatz und einem beheizten Fahrersitz auf der Heimfahrt.

Also wir sehen uns hoffentlich auf dem Rad oder anfangs im Zug. Kette rechts und dann alé! Dranbleiben, geht scho!




Kommentare

WoodyPTom am 04.08.22 (bearbeitet am 05.08.22)

Super Artikel Ludwig, danke! Wir sind auch einige Jahre hauptsächlich mit Rad + Bahn zum Fels gefahren, hatten manchmal das Gefühl, wir wären die einzigen. Dabei macht man einen wunderschönen Tag oder Wochenende draus. Bei uns saß meistens das Zelt auch noch hinten auf dem Gepäckträger. Nun sind wir nach Dresden gezogen, und es geht hier genauso gut wie in der Fränkischen. Weiter so und hoffentlich werden ein paar mehr Kletterer durch deinen Artikel das Auto stehen lassen (oder verkaufen!) :)

MattiKinateder am 02.08.22 (bearbeitet am 03.08.22)

Sehr coll!
Auf Lacrux glaub ich gabs letztens einen ähnlichen Artikel. Darin wurde die Idee beschrieben, eine Anreise nur mit Öffis oder Muskelkraft als Begehungsstiel anzusehen. Der Name: Ecopoint

Habe dieses Jahr auch meinen ersten Ecopoint in der Fränkischen geschafft ;)

Höhlngogerer am 27.07.22

Super das mit Fahrrad. Erinnert mich an meine Jugendzeit. Bin vor 48 Jahren genauso zum klettern in der Fränkischen unterwegs gewesen. Die "Alten" aus unserem Verein waren damals 1950 Jahre sogar mit dem Rad bis in die Dolomiten unterwegs gewesen. Viel Spaß weiterhin. Luigi aus Forchheim

yogy am 27.07.22

Sehr inspirierend! Wir haben Ludwig mal am Fels getroffen und haben uns über dieses Thema unterhalten. Ich konnte dann bei einem weiteren Treffen kaum glauben, dass man trotz Radanreise 9- klettern kann. Vielleicht sollte ich das doch auch mal wieder machen.

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